Seit drei Wochen ist Emilias kleiner Bruder auf der Welt. Emilia, vier Jahre alt, hat sich monatelang auf ihn gefreut. Jetzt quengelt sie beim Anziehen, will wieder getragen werden und weint, wenn der Vater das Frühstück macht, obwohl sie ihm dabei früher immer geholfen hat. Ihre Eltern fragen sich, ob sie eifersüchtig ist oder ob sie selbst etwas übersehen haben.
Beides trifft es nicht ganz. Emilia hat nicht nur einen Bruder bekommen, sie hat auch ihren Platz in der Familie verloren, ohne dass ihr jemand gesagt hat, welcher jetzt ihrer ist. Das lässt sich verstehen, und es lässt sich gut begleiten.
Ein Kind betritt keine leere Bühne. Es kommt in eine Familie, in der Rollen und Funktionen bereits verteilt sind: wer morgens antreibt, wer tröstet, wer für Stimmung sorgt. Mit dem neuen Kind verändert sich deshalb nicht nur die Zahl der Familienmitglieder, sondern die ganze Form der Familie.
Das zeigt sich schon an den Beziehungen. Vom ersten zum zweiten Kind kommen drei neue Zweierbeziehungen dazu, vom zweiten zum dritten Kind vier. Jede dieser Beziehungen braucht Aufmerksamkeit, während die Erwachsenen dieselben bleiben. Die Eltern bemühen sich nicht weniger, ihre Aufmerksamkeit verteilt sich nur auf mehr Beziehungen.
Für das ältere Kind fühlt sich das oft so an, als hätte sich alles gleichzeitig verschoben. Wie stark sich eine Familie mit jedem weiteren Kind verändert, beschreibt der Beitrag über die Veränderung mit dem dritten Kind.
Das ältere Kind verliert eine Position, die es bisher selbstverständlich hatte. Vielleicht war es das Kind, das immer mit am Frühstückstisch half, das Jüngste, um das sich alle kümmerten, oder das Kind, das den Vater abends ganz für sich hatte. Diese Position ist nun nicht mehr eindeutig seine.
Solche Positionswechsel sind für Kinder besonders anstrengend. Sie werden nicht angekündigt, und sie lassen sich nicht auf ein Verhalten zurückführen. Das Kind hat nichts falsch gemacht und spürt trotzdem, dass sein Platz ein anderer ist. Oft sucht es dann auf alten Wegen nach Nähe, wie der Beitrag warum größere Kinder plötzlich Nähe brauchen zeigt.
Wächst die Familie weiter, rückt das älteste Kind fast immer in eine Zwischenposition. Es ist nicht mehr klein, aber auch nicht erwachsen, und es steht zwischen den Eltern und den jüngeren Geschwistern.
Im Human Design wird die Familie als eigene Form gelesen, als das Familienfeld im Human Design. In diesem Feld gibt es Positionen, die sich mit jedem neuen Familienmitglied verschieben. Wie ein Kind diese Verschiebung erlebt, hängt dagegen von seinem eigenen Design ab, etwa davon, welche Zentren offen sind und viel von der Stimmung um es herum aufnehmen.
Die Geburt eines Geschwisterkindes gilt als möglicher Auslöser dafür, dass ein Kind vorübergehend untypisch quengelig und unruhig wird. Ist die Ordnung in der Familie wiederhergestellt, findet es meist rasch zu sich zurück. Ein hilfreicher Anhaltspunkt: Ein Verhalten, das nur zu Hause auftritt, gehört eher zur Familienform. Tritt es überall auf, gehört es eher zum Kind.
Wie euer älteres Kind angelegt ist, könnt ihr mit dem kostenlosen Chartrechner nachsehen. Das hilft zu verstehen, was es in dieser Umbruchzeit besonders braucht.
In den ersten sieben Jahren ist die Zuweisung von Rollen in der Familie noch beweglich. Mit vier ist eine Funktion eine Aufgabe, mit zehn ist sie eine Identität. Das macht einen großen Unterschied dafür, wie ein Kind den Verlust seiner Position erlebt.
Ein vierjähriges Kind wie Emilia kann eine neue Aufgabe vergleichsweise leicht annehmen, wenn sie ihm angeboten wird. Es klebt noch nicht an einer bestimmten Rolle. Ein zehnjähriges Kind dagegen hat seine Funktion oft schon mit seinem Selbstbild verbunden. Wer immer das Jüngste war, verliert mit der Geburt nicht nur eine Aufgabe, sondern ein Stück von dem, wer es ist.
Deshalb brauchen ältere Geschwister ab dem Schulalter oft mehr Zeit und mehr Anerkennung für das, was sie bisher waren. Jüngere Kinder profitieren vor allem davon, dass ihre neue Position konkret und im Alltag spürbar wird.
Der wirksamste Hebel ist, darauf zu achten, welche Position euer älteres Kind verliert, und ihm bewusst eine neue zu geben. Bei Emilia könnte das heißen, dass sie morgens die Aufgabe bekommt, dem Bruder etwas vorzusingen, während der Vater Frühstück macht, und dass sie abends eine feste Zeit allein mit ihm hat.
Kommen die beiden Kinder später gar nicht miteinander zurecht, findet ihr Anregungen im Beitrag wenn Geschwister nicht zurechtkommen. Für die ersten Monate helfen diese Schritte:
Mit dem Chartrechner seht ihr Energietyp, Profil, Zentren und Variablen eures Kindes auf einen Blick. Ihr braucht nur Geburtsdatum, Geburtszeit und Geburtsort.
Chart berechnenDas ist sehr unterschiedlich. Viele Kinder werden nach der Geburt vorübergehend quengelig und unruhig und finden rasch zu sich zurück, sobald die Ordnung in der Familie wiederhergestellt ist. Hält die Unruhe lange an, lohnt sich die Frage, ob euer Kind schon eine neue, klare Position gefunden hat oder noch nach ihr sucht.
Weil jedes Kind anders angelegt ist und eine andere Position in der Familie verliert. Ein Kind, das viel Stimmung aufnimmt, spürt die Unruhe nach einer Geburt stärker als eines, das eher bei sich bleibt. Mehr dazu lest ihr im Beitrag warum Geschwister so unterschiedlich sind.
Wenn es das möchte, kann eine kleine Aufgabe genau die neue Position sein, die ihm fehlt. Wichtig ist, dass die Aufgabe ein Angebot bleibt und keine Pflicht wird. Ein Kind, das sich als großer Helfer beweisen muss, verliert sonst die Zeiten, in denen nichts von ihm erwartet wird. Beides braucht in dieser Phase Platz.
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