Nele ist zwölf. Beim Elternabend erzählt die Klassenlehrerin, Nele sei in der Gruppe eine, zu der alle hinschauen, fast wie ein Magnet. Zu Hause sagt Nele über sich: „Ich bin doch eher ruhig. Ich denke lieber nach, bevor ich was sage.“ Als ihre Mutter von der Lehrerin erzählt, verdreht Nele die Augen: „Ich bin doch gar nicht so.“
Wer hat recht, Nele oder die Lehrerin? Im Human Design lautet die Antwort: beide. Neles Chart hat, wie jedes Chart, eine bewusste und eine unbewusste Seite. Die eine beschreibt, wie sie sich selbst erlebt. Die andere beschreibt, wie sie auf andere wirkt. Beides gehört zu ihr.
Jedes Human-Design-Chart hat zwei Spalten mit Planetenpositionen und Zahlen. Die rechte Seite ist die bewusste Seite, im Englischen Personality genannt. Die linke Seite ist die unbewusste Seite, das Design. In der Körpergrafik in der Mitte fließen beide zusammen, und die aktivierten Tore werden farblich danach unterschieden, von welcher Seite sie stammen.
Die beiden Seiten werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten berechnet. Der bewusste Anteil entsteht im Moment der Geburt. Der unbewusste Anteil wird etwa 88 Tage vor der Geburt berechnet. Deshalb spielt die genaue Geburtszeit für das Chart eine so große Rolle, wie der Beitrag erklärt, ob ihr die genaue Geburtszeit braucht.
Wenn ihr das Chart eures Kindes vor euch habt, lohnt ein Blick auf beide Spalten. Ihr könnt es mit dem kostenlosen Chartrechner berechnen. So seht ihr, welche Merkmale eures Kindes aus der bewussten und welche aus der unbewussten Seite stammen.
Die bewusste Seite beschreibt, was das Kind aktiv an sich wahrnimmt und worüber es sagen kann: „Ich bin so jemand, der …“. Das sind die Eigenschaften, die ein Kind selbst benennt, wenn man es fragt, wie es ist. Sie gehören zu seinem Selbstbild.
Bewusste Energie erlebt das Kind als eigen. Es kann sie leichter einordnen und darüber sprechen. Das bedeutet aber nicht, dass bewusste Anteile automatisch die einfachen sind. Auch bewusste Kanäle, also feste Verbindungen zwischen zwei Zentren, brauchen Begleitung. Was ein Kanal im Chart eines Kindes ist, beschreibt ein eigener Beitrag.
Bewusste Anteile brauchen vor allem Bestätigung ohne Überhöhung. Wenn Nele sagt „Ich denke lieber nach“, hilft ein Satz wie „Ja, das merke ich an dir“ mehr als ein Lob, das sie auf diese Eigenschaft festlegt. Das Kind soll sich in seinem Selbsterleben bestätigt fühlen, ohne eine Rolle erfüllen zu müssen.
Die unbewusste Seite wirkt körperlich, bevor Gedanken entstehen. Sie zeigt sich im Auftreten, in der Ausstrahlung, in Reaktionen, die schneller sind als jede Überlegung. Andere Menschen nehmen sie deshalb oft zuerst wahr, manchmal lange bevor das Kind selbst etwas davon bemerkt.
Unbewusste Energie kann ein Kind nicht einfach steuern, weil es sie nicht bewusst erlebt. Sätze wie „Sei doch nicht immer so dominant“ oder „Du musst nicht immer so auffallen“ laufen deshalb ins Leere. Das Kind weiß nicht, was gemeint ist, und fühlt sich missverstanden oder beschämt.
Bei Nele ist die magnetische Ausstrahlung ein solcher unbewusster Anteil. Sie tut nichts dafür, dass andere zu ihr hinschauen. Es geschieht einfach. Deshalb kann sie es auch nicht an- oder abschalten, und deshalb erkennt sie sich in der Beschreibung der Lehrerin nicht wieder.
Das Profil besteht im Human Design aus zwei Zahlen, und jede stammt von einer anderen Seite des Charts. Die erste Zahl kommt von der bewussten Sonne und beschreibt das Selbsterleben. Die zweite Zahl kommt von der unbewussten Sonne und beschreibt die Wirkung auf andere. Die Erde stabilisiert jeweils. Wie Profile grundsätzlich funktionieren, erklärt der Beitrag, was ein Profil über ein Kind sagt.
Ein Kind mit Profil 1/4 erlebt sich zum Beispiel selbst als jemand, der erst Grundlagen und Sicherheit braucht. Auf andere wirkt es über Beziehung und Verbindung. Ein Kind mit Profil 5/1 erlebt sich über das Lösen praktischer Probleme und wirkt auf andere wie jemand mit festem Fundament. Die Bedeutung jeder einzelnen Zahl beschreibt der Beitrag über die sechs Linien im Human Design.
Die Übersicht fasst die Unterschiede zusammen:
| Bewusste Seite | Unbewusste Seite | |
|---|---|---|
| Position im Chart | rechts, Personality | links, Design |
| Berechnet | im Moment der Geburt | etwa 88 Tage vor der Geburt |
| Wie das Kind sie erlebt | als eigen, gut benennbar | kaum bewusst, nicht einfach steuerbar |
| Wer sie zuerst bemerkt | das Kind selbst | oft die anderen |
| Im Profil | erste Zahl, Selbsterleben | zweite Zahl, Wirkung auf andere |
Aus den beiden Seiten entsteht häufig eine Lücke zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung. Das Kind sagt „Ich bin doch gar nicht so“, Erwachsene sagen „Doch, du bist so“, und beide haben recht. Das Kind beschreibt seine bewusste Seite, die Erwachsenen beschreiben die unbewusste.
Für Kinder kann diese Lücke verwirrend sein, besonders im Schulalter, wenn Rückmeldungen von Lehrkräften und Mitschülern wichtiger werden. Ein Kind, das sich als schüchtern erlebt, aber als selbstbewusst beschrieben wird, fragt sich schnell, was mit ihm nicht stimmt. Jugendliche reagieren oft mit Abwehr, wenn Erwachsene ihnen erklären, wie sie angeblich sind.
Hilfreich ist, beide Wahrnehmungen nebeneinander stehen zu lassen. Keine ist falsch. Sie beleuchten nur unterschiedliche Seiten desselben Kindes. Das Design bleibt dabei ein Leben lang gleich, wie der Beitrag zeigt, ob sich das Design verändern kann. Was sich verändert, ist die Fähigkeit des Kindes, auch unbewusste Anteile mit der Zeit an sich zu bemerken.
Statt das Kind zu korrigieren, wenn es sich anders beschreibt als ihr es seht, lohnt eine Frage: „Wie erlebst du dich gerade selbst?“ Sie lädt das Kind ein, von seiner bewussten Seite zu erzählen, ohne dass ihr euren Blick aufgeben müsst. Neles Mutter sagt inzwischen: „Du erlebst dich ruhig, und andere spüren trotzdem, wenn du im Raum bist. Beides stimmt.“ Nele muss sich dadurch nicht mehr gegen die Beschreibung wehren. Diese Schritte helfen im Alltag:
Mit dem Chartrechner seht ihr Energietyp, Profil, Zentren und Variablen eures Kindes auf einen Blick. Ihr braucht nur Geburtsdatum, Geburtszeit und Geburtsort.
Chart berechnenKeine. Beide Seiten gehören gleichwertig zum Kind und ergeben erst zusammen das vollständige Chart. Die bewusste Seite zeigt, womit sich euer Kind identifiziert. Die unbewusste Seite zeigt, was durch es hindurch wirkt. Für die Begleitung ist es hilfreich, beide zu kennen und keine gegen die andere auszuspielen.
Mit zunehmendem Alter bemerken viele Menschen an sich Muster, die ihnen andere schon lange gespiegelt haben. Die unbewusste Seite wird dadurch nicht zur bewussten, aber das Kind kann sie besser einordnen. Unterstützend wirkt, wenn Erwachsene solche Anteile freundlich beschreiben, statt sie zu kritisieren oder wegerziehen zu wollen.
In den meisten Charts sind die beiden Seiten farblich unterschieden, und die Zahlen stehen in getrennten Spalten links und rechts. Ein Tor, das auf beiden Seiten aktiviert ist, wird oft zweifarbig dargestellt. Wenn ihr unsicher seid, hilft es, die Zahlen in beiden Spalten mit den Toren in der Körpergrafik abzugleichen.
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